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Gitta Peyn Zukunftsgedanken. 8 Fragen – 8 Antworten.

 

 

In unserem Magazin interviewen wir inspirierende Menschen und Zukunftsgestalter:innen aus Wissenschaft, Kunst und Wirtschaft. Wir stellen immer dieselben Fragen und bitten um die eigene Perspektive zu einem wechselnden Zukunftszitat.

Für das erste Interview konnten wir Gitta Peyn gewinnen. Gitta Peyn ist Systemforscherin und Kybernetikerin, Mitentwicklerin von FORMWELT und WELTFORM, Gründerin des FORMWELTen Instituts und der Larnaca Conferences. ‍Seit 1988 arbeitet sie mit ihrem Mann an systemischen und nachhaltigen Modellen, Konzepten und Werkzeugen für Kommunikation, soziales und kognitives Design und systemische komplexitätsbewusste Bildung und Sprache. Mit dem FORMWELT-Team ist sie dabei, eine globale Plattform aufzubauen, die alle Menschen zu systemischer Kommunikation und Bildung für verständnisorientierte globale Zusammenarbeit, superintelligente Problemlösung und menschliche Multiresilienz befähigt.

 

 

[1] Was bedeutet Zukunft für Dich?

Gitta Peyn: Was für eine interessante Frage. Das erste Wort, das mir dazu in den Sinn kommt, ist „Virtualität“, aber natürlich auch mögliche Wirkungen unterschiedlicher Ursachen durch und auf sich selbst.

Erwartungshaltungen sind für mich persönlich mit dem Begriff verbunden, Pläne, Träume, Hoffnungen, Ängste – aber auch Berechnungen, Analysen, Schätzungen, was wie folgen kann oder sogar unweigerlich wird.

Gleichzeitig denke ich dabei an den weisen Satz, nicht zu viel über die Zukunft nachzudenken, schließlich findet das Leben gerade hier und jetzt statt. Doch ebenso viel Weisheit sehe ich darin, kurz- und langfristig möglichst mehrdimensioniert zu planen, umfassend zu planen und viele Aspekte einzukalkulieren, um keine Lebensenergie unnötig zu verschwenden.

Wenn ich über Zukunft allgemein nachdenke, fällt mir auf, wie stark sie auf der einen Seite durch meine Gegenwart geprägt ist – genauso, wie ich Vergangenheit immer nur gegenwärtig fassen kann, weshalb sie immer durch das gefärbt ist, was und wie ich gerade denke, in welcher Gesellschaft ich mich befinde und welche Entscheidungen ich fälle.

Auf der anderen Seite kann ich nicht übersehen, wie viele – mir in großer Überzahl unzugängliche – Elemente und Einflüsse eine Rolle bei der Entwicklung oder Ausentwicklung meiner und der Zukunft der Menschheit spielen, dass ich nur bewundern kann, dass wir Menschen es überhaupt geschafft haben, bis hierhin zu überleben. Die Komplexität ist beeindruckend, und das gibt mir Hoffnung, was unsere Fähigkeiten angeht, die großen Krisen zu bestehen, auf die wir zulaufen.

So fällt mir zu Zukunft dann auch auf, wie großartig wir Menschen sind, wie bemerkenswert Evolution arbeitet, wie Variation, Selektion und Rekonstitution zu Lebewesen geführt haben, die eben diese Art zu arbeiten nun selbst lernen und anwenden können, um so das Überleben der eigenen Art durch Reflexion zu sichern. Wir sind die erste Spezies, die dazu in der Lage ist, Einfluss auf die eigene Evolution zu nehmen. Wenn das nichts ist …

 

[2] Zukunft bzw. Zukünfte: planst Du oder lässt Du sie auf Dich zukommen?

Gitta Peyn: In seinem immer noch wirklich lesenswerten Buch „Inventing the Future“ hat der Physiker und Nobelpreisträger Dennis Gabor 1963 diese Zeilen geschrieben:

“We are still the masters of our fate.
Rational thinking, even assisted by any conceivable electronic computors, cannot predict the future. All it can do, is to map out the probability space as it appears at the present and which will be different tomorrow when one of the infinity of possible states will have materialized. Technological and social inventions are broadening this probability space all the time; it is now incomparably larger than it was before the industrial revolution – for good or for evil.”

Und weiter:

“The future cannot be predicted, but futures can be invented.
It was man’s ability to invent which has made human society what it is. The mental processes of inventions are still mysterious. They are rational but not logical, that is to say, not deductive.”

Wir sind, was diese „mentalen Prozesse“ angeht, nicht mehr ganz so im Dunkeln wie 1963 – Natur- und Geisteswissenschaften haben eine Menge geleistet, um mehr Licht da hineinzubringen, wie wir denken.

Mit unserer eigenen Forschung sind wir dazu in der Lage, die Entwicklung komplexer Entscheidungssysteme – und damit menschlicher Kognition und Kommunikation – im Rahmen ihrer augenblicklichen FORMen zu bestimmen. Das hilft enorm dabei, die eigenen Vorausberechnungen, was wir unter diesen oder jenen Umständen zu erwarten haben, enger zu führen. Gleichzeitig bleiben komplexe Systeme wie Gesellschaft zum Beispiel immer insofern unvorhersagbar, als wir sie nicht auf den Punkt vorausberechnen können.

Einfacher gesagt: Wir können uns immer überraschen und aus der Komplexität selbst heraus ergeben sich stets neue Unbestimmte.

Nichtsdestotrotz, so unberechenbar sind wir nun auch wieder nicht, dass wir nicht aus der Geschichte lernen können, darin Muster entdecken, die uns etwas darüber sagen, wie wir uns normalerweise unter bestimmten Umständen entwickeln.

Was mich angeht: Ich wende unsere Forschung an, um Wahrscheinlichkeitsräume zu berechnen, Bedingungen zu klären, für mich selbst Orientierung zu finden. Ich habe zwar große Visionen und auch klare Ziele, aber ich weiß auch, dass Ziele eher wie Peilvorrichtungen funktionieren und ich auf dem Weg immer nachjustieren muss, um den best möglichen Weg zu finden. Mit dem Älterwerden gehört für mich dazu, sehr gut auf meine Lebensenergie zu achten – und nicht nur auf meine, auch auf die meiner Partner. Wir kommen hier alle mit beschränktem Haltbarkeitsdatum, und ich finde es ist ein Akt der Liebe, effizient und effektiv zu arbeiten, rational vorzugehen, wo Rationalität gefragt ist, um für uns Alle das best Mögliche herauszuholen.

 

[3] Wie viel Blick zurück in die Vergangenheit braucht es aus Deiner Sicht, um wünschenswerte Zukunft zu gestalten?

Gitta Peyn: Was Geschichtswissen angeht, habe ich das große Glück, mit einem Universalgelehrten zu leben, der viel Freude an Geschichte und Archäologie hat. Das hat mich gelehrt, Geschichtswissen noch vor allem anderen wertzuschätzen. Sicher, ich bin Systemforscherin mit Leib und Seele, aber gerade deshalb weiß ich, dass dieser Satz von George Santayana wahr ist:

“Those who cannot remember the past are condemned to repeat it!”

Mathematik und Logik helfen dabei, klarer und folgerichtiger zu denken und vor allem die Schönheit der einfachen Konstruktion und Abstraktion schätzen zu lernen.
Es gibt keinen guten Philosophen, der nicht zugleich auch guter Logiker ist. Es ist die Folgerichtigkeit des Denkens, das Konsequente des Schlusses, das selbst noch unter Einbeziehung unbestimmter Formen besticht. Warum? Weil Evolution uns Logik und Mathematik ins Blut gelegt hat: Wir sind die geborenen Mathematiker und Systemforscher, auch wenn heutige „Bildungs“systeme erfolgreich dafür sorgen, dass die Meisten davor Angst haben. Die Folgen sind Tragödien in Milliardenzahl, denn Menschen, die ihre natürlichen Gaben nicht ausloten können, die sogar dabei noch Schuldgefühle haben, neigen nicht gerade dazu die best möglichen Entscheidungen zu fällen …

Doch es gibt auch keine gute Philosophie ohne tiefes, umfassendes, weit reichendes Geschichtswissen. Sie muss vor und zurück greifen können, Gesellschaftsentwicklungen als systemische FORMen lesen können, die Rhythmisierungen be-greifen. Die menschliche Seele erkennen wir in ihrer Geschichte, und jede Geschichte hat auch immer eine Zukunft, denn alles menschliche Handeln ist immer auch Berechnung möglicher Vergangenheiten und möglicher Zukünfte.

Es ist die Geschichte, die uns beispielsweise lehrt, dass Nationalsozialismus parasitär funktioniert. Er benötigt Wirte, um zu überleben – so lange, wie isolationistische Gesellschaften überhaupt überleben können, denn sie haben sich entschieden, sich zu erhalten, statt sich zu rekonstituieren und damit ihren eigenen Untergang besiegelt. Doch ich kann dieses Wissen über ihren Untergang schaffen, weil ich die Geschichte studiert und das darüber Erworbene genutzt habe, um meine heutigen Modelle und unsere Forschung zu verbessern.

Gleichzeitig muss ich immer wissen, dass Geschichte von Menschen geschrieben wird, den konstruktivistischen Aspekt berücksichtigen und deshalb weit und tief greifen.

 

[4] Zukunftsmut, Zukunftsangst, Zukunftsrealismus… Welchen Begriff würdest Du unterstreichen oder ergänzen, wenn es um die Frage geht, was es braucht, um Veränderungen voranzubringen, die – einmal ganz global gesprochen – zu einer Weiterentwicklung führen.

Gitta Peyn: Nun, ich gehöre nicht zu den Menschen, die unbedingt ein konstruktives Wort benötigen, um konstruktiv zu denken. Genauso wenig bin ich überzeugt davon, dass es uns großartig hilft, nun alle in Panik zu geraten.

Ich finde berechtigt, wenn Viele heute Angst vor der Zukunft haben – es gibt gute Gründe besorgt zu sein. Gleichzeitig sind wir aber auch eine erfinderische Spezies.

Vielleicht habe ich mehr Hoffnung als viele Andere, weil ich selbst zu den Forschern gehöre und mit einem Bildungsprojekt meinen Beitrag leiste, dass die Menschheit dazulernen und die kommenden Krisen besser anpacken kann? Kann sein.

Wenn in der Vergangenheit große Veränderungen angestoßen wurden, dann immer durch eine kleine Zahl entschlossener Menschen. Das hat schon die Kulturanthropologin Margaret Mead sehr schön auf den Punkt gebracht.

Ich erwarte neue Technologien, die uns helfen, unsere Weltmeere zu reinigen, unseren Fleischkonsum zu senken und vieles andere mehr, während ich gleichzeitig sehe, dass der Weltkonsum steigt, obwohl er sinken sollte.

Ein Blick zurück in die Geschichte zum Beispiel auf die Bedingungen, unter denen Hochkulturen untergegangen sind, und der Gedanke liegt alles andere als fern, dass wir heute wieder kurz vor so einem Phänomen stehen – mit dem Unterschied, dass uns danach keine Ressourcen mehr in der Menge zur Verfügung stehen. Das kann einen natürlich zum Nachdenken bringen.

Insofern würde ich dazu raten, mit allen drei Begriffen zu arbeiten, denn Mut wird dringend benötigt, Angst ist oft ein prima Ratgeber, und Realismus tut uns gerade hier und heute in der Emergenz, in die wir eingetreten sind, einen großen Gefallen. Ich gehe jedenfalls nicht davon aus, dass es uns hilft, Change stark emotionalisiert anzustoßen, auch da sollten wir aus der Geschichte wissen: Das geht nicht gut aus.

 

[5] Welche Top 5 Kompetenzen braucht es aus Deiner Sicht künftig mehr denn je und warum – wenn Du den Fokus auf Menschen in Organisationen richtest?

Gitta Peyn: Das ist vielleicht heute die wichtigste aller Fragen, und ich fürchte, meine Antworten werden Vielen nicht gefallen:

Verantwortungs- bzw. Rechenschaftspflichtbewusstsein, Durchhaltevermögen, rationale Argumentationsfähigkeiten, fundiertes systemisches Denken und Kritikfähigkeit wären meine Favoriten.

Ich weiß, das klingt komisch, wo doch Fragen der Menschlichkeit ganz vorn stehen sollten, aber gehen wir das mal kurz durch:

Welches Verhalten ist liebevoller? Das mit Gefühl oder das mit Einsicht?

Wenn ich die Frage stelle, wie ich Menschen wirklich helfen kann, was nützt ihnen dann mehr? Meine rationale Kritikfähigkeit oder dass ich möglichst einfühlsam bin?

Kann ich die Sachen so voneinander trennen oder muss ich nicht vielmehr bei etwas gründlicherem Nachdenken zu dem Schluss kommen, dass meine Einfühlsamkeit in die Lebensbedingungen und das, was ich von der Zukunft erwarte, mich dazu zwingt, so effizient und effektiv wie nur möglich zu denken, zu sprechen und zu handeln?

Das schließt ganz sicher nicht aus, freundlich zu sein. Ich bin gern freundlich. Aber, Freundlichkeit nützt niemandem, wenn ich nicht gleichzeitig über Charakterstärke und Integrität verfüge, und diese beiden sind ohne die Top Five oben nicht machbar. Warum? Weil du mit einem schwach entwickelten Geist keine starken Schlüsse ziehen kannst, keine starke Ethik formulieren, keine haltbaren Grundlagen für Kooperation und Nachhaltigkeit aufbauen.

Durchhaltevermögen scheint mir da von allen Fünfen sogar fast noch am Wichtigsten, denn die wichtigsten Projekte sind oft genau die, die anfangs am meisten Ablehnung erfahren. Das kann sich über Jahre oder – wie in unserem Fall – sogar über Jahrzehnte hinziehen. Wer da kein Durchhaltevermögen hat, das auf einer soliden Freiheitsethik aufsetzt, wird früher oder später die Integrität seines Projekts verraten.

 

[6] Welche Deiner Entscheidungen hat Deine Zukunft am entscheidendsten verändert?

Gitta Peyn: Oh, die Frage zu beantworten, fällt mir leicht: Meinen Mann damals zu fragen, ob er sein Leben mit mir verbringen will.

Mit dieser Frage hat sich mein Leben für immer verändert, denn in Ralf habe ich einen Partner gefunden, der mit mir die Liebe zur Menschheit teilt, mit dem ich forschen und arbeiten kann.

Ich kenne sonst niemandem, der auf diesem Niveau denkt, der so durchdringend vorgeht mit der Intensität eines Feuerdrachens und der Sturheit eines Panzers. Von Ralf habe ich gelernt, mich niemals damit zufrieden zu geben, etwas nur halb durchdacht zu haben.

 

[7] Was kommen wird ist nicht vorhersehbar. Der Raum der Unbestimmtheit kann Abenteuer sein und den Gestalter:innen- und Entdecker:innengeist wecken. Es kann jedoch auch Unbehagen aufkommen, sich in unbekanntes Terrain zu begeben. Welche Idee zum Umgang mit dem Unbestimmten kannst Du unseren Leser:innen mitgeben?

Gitta Peyn: Es ist das Unbestimmte, das uns überhaupt erst ausmacht. Wären wir nicht komplex, wir wären Amöben oder Automaten oder so. Insofern würde ich jedem erst einmal mitgeben wollen, die eigene Komplexität schätzen zu lernen, um von dort aus dann weiterzulernen.

 

[8] Von Joseph Beuys stammt das Zitat: „Die Zukunft, die wir wollen muss erfunden werden, sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen.“ Wie ist Deine Perspektive zur Aussage von Joseph Beuys?

Gitta Peyn: Einfach dies: Wir bekommen nie die Zukunft, die wir wollen. Und wir erfinden ständig. An dieser Stelle würde ich nicht über ein „Wir“ gehen – es sei denn, „wir“ haben die Absicht, eine Sekte zu gründen …

Ich möchte lieber davon ausgehen, dass sich jeder gern bemühen möchte, unsere Sozialarchitekturen aber immer noch zu wünschen übrig lassen. Daran zu arbeiten lohnt sich allemal, um schlussendlich die Voraussetzungen zu schaffen, dass sich jeder Bürger kreativ und frei einbringen kann. Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde ich in dem Zusammenhang auf jeden Fall genauso diskutieren wollen wie unsere Formwelt für globale systemische Bildung.

Ob wir dann eine bessere Zukunft bekommen, kann ich nicht sagen, aber wir bekommen definitiv eine andere.

 

 

Ganz herzlichen Dank für Deine Gedanken, liebe Gitta! Mögen sie Inspiration sein, Denkanstöße geben und Lust machen darauf, mehr von Dir und Eurer Forschung zu erfahren und gemeinsam zu lernen.

Eine Live-vor-Ort Gelegenheit dazu gibt es jeweils am 6. und 7. Mai 2022 beim 1-tägigen Seminar “Komplexitätsmanagement und Systemische Kommunikation” in der Zukunftsmacherei.

Weitere Informationen und Anmeldung direkt hier: https://zukunftsmacherei.de/events/komplexitaetsmanagement-und-systemische-kommunikation/

 

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